Wohngebiet! Fotografien von Halle-Neustadt aus vier Jahrzehnten aus dem Stadtarchiv Halle und dem Bildarchiv Foto Marburg
Richtlinien
Ob eine Fotografie dokumentarisch ist oder nicht, hängt weniger von dem Gegenstand und dem „Was“ als vielmehr von der bildnerischen Form und dem „Wie“ einer Aufnahme ab. Doch auch scheinbar „objektive“, bestimmten Normen und Richtlinien folgende Bilder haben eine Kunstgeschichte. Diese Wandlungen des „Objektiven“ sind der Bildgeschichte der Architektur besonders umfassend eingeschrieben. So erzählen Architekturfotografien nicht nur eine Geschichte der Kameratechnik. Durch bildnerische Eingriffe wie die Nähe oder Ferne zum Bauwerk, die Auswahl des Bildausschnittes, die Entscheidung für die Beleuchtung zu einer bestimmten Tageszeit oder die Einbeziehung von Zufälligkeiten des Alltagslebens wie Straßenverkehr oder Fußgängern werden auch unterschiedliche Entwürfe und Ideen von Architekturgeschichte sichtbar, denen diese Bilder dienen oder die von diesen Bildern ausgehen. Ein ungewöhnliches Beispiel aus dem Stadtarchiv Halle beweist, dass in Architekturdokumentationen sogar Anleihen aus der Geschichte der Malerei bruchlos einfließen können.
Das Bild des DDR-Fotografen Herbert Lachmann entstand ca.1970 und zeigt einen Blick auf die Hauptverkehrsstraße und die daran angrenzenden Wohnblöcke in Halle-Neustadt (Abb.3). Von 1964-1970 als Vorzeigeobjekt des sozialistischen Wohnungsbaus errichtet, war Halle-Neustadt nach Stalinstadt/Eisenhüttenstadt, Hoyerswerda und Schwedt das vierte und letzte Projekt einer „Neuen Stadt“ in der DDR. Mit dem Anspruch geplant, das bis zu diesem Zeitpunkt nicht realisierte Konzept der „sozialistischen Idealstadt“ nun endgültig städtebauliche Realität werden zu lassen, ist das Bauvorhaben in Halle-Neustadt auch für die Euphorie und die Fortschrittsgläubigkeit der sechziger Jahre charakteristisch. Das Pathos, mit dem der spätere Ministerpräsident der DDR Horst Sindermann die heute zum Problemfall gewordene Satellitenstadt bei deren Grundsteinlegung 1964 als Ort der „Zeit und Muße für … geistig-kulturelle Bildung, für eine sinnvoll genutzte Freizeit“ und als „eine Stadt, in der zu leben für jeden Glücklichsein heißt“ preisen konnte, gibt von diesem utopischen Willen zum Aufbau einen anschaulichen Eindruck.
Das Bild von Lachmann setzt dieses sozialistische Pathos wirkungsvoll in Szene. Nicht kalte und abweisende Hochhäuser beherrschen die Aufnahme, sondern Kinder, die über eine Brücke gehen. Sie laufen ihrer Zukunft entgegen, die unter der Brücke wie durch einen imaginären „Torbogen“ hindurch in Form der noch im Bau befindlichen Wohnblöcke im Hintergrund sichtbar wird. Durch dieses Spiel mit der Bedeutungsperspektive ist die Fotografie mit Ferdinand Hodlers Meisterwerk „Auszug der Jenenser Studenten“ (1908-09, Universität Jena) vergleichbar. Das Gemälde ist Vorlage für das Historienbild „Die Verteidigung von Petrograd“ von Alexander Deineka (1928, Armeemuseum Moskau) gewesen, dass in der DDR zu den kanonischen Werken der Kunstgeschichte zählte. In diese Ikonographie gehört auch das Architekturbild aus Halle-Neustadt. Das Baustellenbild ist von einer besonderen Aufbruchstimmung getragen, vermittelt aber auch eine merkwürdige Melancholie. Blitzlichtartig wird deutlich, dass die architektonischen Richtlinien dieser Idealstadt die Lebenslinien ihrer künftigen Bewohner vorwegzunehmen drohen.
Perspektiven
Etwa zu derselben Zeit, in der die Aufnahme des DDR-Fotografen entstand, hielt sich ein Besucher aus Westdeutschland in Halle-Neustadt auf. Die anonymen Fotografien von 1973 scheinen noch viel weniger als die Bilder von Herbert Lachmann als Kunstwerke und lediglich als Erfassung gemeint zu sein. Und dennoch besitzen diese Dokumente eine bestimmte Ästhetik. So suggeriert eine dieser Aufnahmen aus dem Bildarchiv Foto Marburg Erinnerungen an die Geschichte des Kinos. Diese von oben auf das Wohngebiet gerichtete Ansicht zeigt nicht nur die Ausmaße der gigantischen Baustellen von Halle-Neustadt (Abb.1). Aus dieser Perspektive rückt auch die diagonal durch das Bild führende mehrspurige Straße groß in den Blick. Die Magistrale und die darauf verkehrenden Fahrzeuge wie der Bus im Vordergrund werden zur Hauptsache dieser Fotografie, die dadurch eine erzählerische Wirkung erhält. Sie weckt entfernt Erinnerungen an die endlosen Weiten des amerikanischen Westens in den Italo-Western der 1960er Jahre oder Alfred Hitchcocks Agentenklassiker „Der unsichtbare Dritte“.
Auch in einer anderen Aufnahme hat der unbekannte Fotograf die Blickachsen des Wohngebiets Halle-Neustadt für hintergründige Kommentare genutzt. Zwei Mädchen schieben ihre Puppenwagen über eine Fußgängerbrücke, an deren Ende im Hintergrund ein gewaltiges Hochhaus aufragt (Abb.2). Doch anders als die DDR-Fotografie, die genau dieselbe Brücke mit darüber laufenden Kindern und Wohnblöcken im Hintergrund propagandistisch inszenierte, ist diese Aufnahme des westdeutschen Fotografen subversiv. Sie scheint die forcierte sozialistische Wohnungs- und Familienpolitik sarkastisch aufzugreifen. In ihren lustigen Miniröcken wirken die Mädchen im Vordergrund so, als würden sie die ihnen zugedachte Mutterrolle auch in Zukunft spielerisch handhaben und über den ihnen zugedachten Lebensraum hinauswachsen.
Blickwechsel
Vor 1990 entstandene Dokumentationen des Wohngebiets Halle-Neustadt lassen sich, den politischen Bedingungen des Kalten Krieges gemäß, in mindestens zwei Kategorien unterteilen: die einen verleihen den planerischen Absichten der Architektur adäquaten bildlichen Ausdruck, die anderen beziehen die Wechselwirkungen von Ideal und Wirklichkeit, Alltag und Politik in ihre Beobachtungen ein. Bilder, die nach 1990 entstanden sind, gehen über diese Möglichkeiten hinaus. Nach dem Mauerfall aufgenommene Dokumentationen von Halle-Neustadt wollen weniger für oder gegen diese Ästhetik Stellung nehmen. Vielmehr wird hier eine befremdliche, nach dem Ende der DDR auch politisch gegenstandslos gewordene Architektur-Utopie zu einem Echo von Befindlichkeiten der Nachwendezeit. Jene Magistrale, die 1973 noch an die Kino-Ästhetik der Italo-Western erinnerte, ist 1995 von wild parkenden Pkw beherrscht. Das Bild hinterlässt einen Eindruck von Verwahrlosung und Ratlosigkeit (Abb.7).
Fotografien sind nicht als Abbilder von etwas, sondern als Übersetzungen des Sichtbaren anzusehen. Diese seit dem 19. Jahrhundert immer wieder vorgetragene Einsicht ist oft als Grundlage der künstlerischen Autonomie begriffen worden. Die darin enthaltene Realismus-Kritik ist jedoch besonders mit dem dokumentarischen Bild zu verbinden. Fotografien politisch repräsentativer Bauten bieten für diese bildgeschichtlichen Grundlagen besonders anschauliche Belege. Sie führen im Fall von Halle-Neustadt bis hin zu einer zeitgeschichtlich relevanten Architekturpsychologie.
Herzlichen Dank an Anja Jackes/ Universität Paderborn, Ralf Jakob und Christiane von Nessen/ Stadtarchiv Halle und den Fotografen Uwe Gaasch.














