Monumente! Fotografien aus der Sammlung des Historikers Reinhart Koselleck im Bildarchiv Foto Marburg
Momente und Monumente
Momentfotografien halten Ereignisse nicht nur fest, sondern erzeugen sie auch. Allzu flüchtige, sich für das menschliche Auge zu schnell vollziehende Abläufe vermag die Kamera noch zu erfassen und damit sichtbar zu machen. Dokumente dieser Art sind auch zwei Augenblicksfotografien, die sich im Nachlass des Historikers Reinhart Koselleck (1923-2006) erhalten haben. Die Bilder wurden im Jahre 1997 aufgenommen und zeigen das Reiterstandbild Kaiser Friedrich III. an der Hohenzollernbrücke in Köln (Abb.2+3). Das von Louis Touaillon 1911 geschaffene Monument ist eines von vier Denkmalen preußischer Herrscher, die zu beiden Seiten des Ufers die Brückenköpfe der in unmittelbarer Nähe von Bahnhof und Dom befindlichen Hohenzollernbrücke zieren. An den Aufnahmen fällt sofort auf, dass es sich damit nicht eigentlich um Fotografien eines Denkmals, sondern um die Aufnahmen des Ortes eines Denkmals handelt. Das Monument ist nicht fokussiert worden, stattdessen wurde eine Brennweite gewählt, die auch das stählerne Gerüst der Brücke, das mächtige, darüber führende Gleisbett und die Oberleitungen für den elektrischen Zugverkehr groß ins Bild holte. Das Bildformat, dass das Denkmal beinahe zu einer Nebensache macht und aus dem Zentrum heraus an den Bildrand rückt, erklärt sich vor allem durch das Detail eines vorüber fahrenden Eisenbahnzuges. Die beiden dicht nacheinander entstandenen Fotografien zeigen das Herannahen und das Davonfahren des Zuges, wobei der Fotograf sich selbst dabei in Richtung Brücke weiterbewegte. Als Bilderfolge betrachtet vermitteln die Fotos eine Dynamik, die das Denkmal an diesem Ort zu einem Fremdkörper werden lässt.
Gleichzeitigkeit
Der Ort, von dem aus Koselleck das Reiterstandbild an der Hohenzollernbrücke fotografierte, war für diesen fotografischen Effekt besonders geeignet. Erst aus der Perspektive von der gegenüberliegenden Seite auf das Denkmal scheint es so, als würde das Reiterstandbild, eigentlich in einigem Abstand von der Brücke befindlich, unmittelbar neben den Schienen stehen. Der daraus resultierende Eindruck, der Reiter würde dieselbe Fahrbahn benutzen wie die Züge, die ihn überholen, gibt den Fotografien Kosellecks ihre melancholische Pointe. In der Konfrontation von Herrschaftsikonographie und moderner Verkehrstechnik, von Denkmal und Transportwesen, Gedächtniskultur und Reisemelancholie lag eine von Koselleck mit Nachdruck inszenierte „allegorie reelle“ der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. In diesem Sinne müssen die Reiterstandbilder der Hohenzollernbrücke allerdings schon zum Zeitpunkt ihrer Aufstellung befremdlich gewirkt haben. In seiner einschlägigen Studie zur Geschichte der Eisenbahnreise vermerkt Wolfgang Schivelbusch, wie sehr die Eisenbahn als Transportmittel nicht nur den Personen- und Warenverkehr, sondern in einem allgemeinen Sinne auch den Wertewandel des 19. Jahrhunderts beschleunigte. Als ein Fortbewegungsmittel, das allen Schichten der Bevölkerung diente und sie unabhängig von ihrer sozialen Herkunft gleichzeitig ans Ziel brachte, wurde die Eisenbahn als egalitäres Medium erlebt. Die Eisenbahnreise wurde damit ein besonders markantes Phänomen der seit Jakob Burckhardt immer wieder beklagten Nivellierung von Werten durch eine vermeintlich gleichmacherische Demokratie. Aus diesem Grund wurde die Eisenbahn nicht zuletzt zu einer starken Motivation für die Entwicklung des Automobils und des Individualverkehrs. Als ein Ensemble von Pferd und Dampfross, eine im 19. Jahrhundert beliebte Metapher für Lokomotiven, stellen die Denkmäler an der Hohenzollernbrücke daher aus kulturgeschichtlicher Sicht eine besonders illustre Parallele dar. Sie mochte sich schon seit der Aufstellung des ersten der vier Reitermonumente im Jahre 1867 den Zeitgenossen erschlossen haben und ist noch den Fotografien Reinhart Kosellecks eingeschrieben. Umgekehrt sind die von Friedrich Wilhelm IV. initiierten Denkmäler am Kopf einer Eisenbahnbrücke in Nähe des Kölner Doms auch als herausfordernde Reaktion des konservativen Herrscherhauses gegen den technischen Fortschritt der Moderne zu verstehen.
Ereignisbilder
Als Stiftung von Ereignissen durch Technik ist das fotografische Bild in physikalischen oder physiologischen Erforschungen von Bewegungsabläufen oft thematisiert und als epistemische Grundlage der Wissensbildung in den Naturwissenschaften vielmals diskutiert worden. Doch welche Bedeutung haben fotografische Sichtbarmachungen von Ereignissen in der Geisteswissenschaft, die sich methodisch mit der Erklärung von Ereignissen beschäftigt? Welche Bedeutung haben Momentfotografien in der Geschichtswissenschaft? „Der Historiker“, notiert Koselleck in dem Aufsatz ‚Erfahrungsraum und Erwartungshorizont’, „der über seine eigenen Erlebnisse und Erinnerungen hinweg, geleitet von Fragen oder auch von Wünschen, Hoffnungen und Sorgen, in die Vergangenheit zurückgreift, steht zunächst vor den Überresten, die noch heute mehr oder minder zahlreich vorhanden sind.“ Wenn Koselleck in diesem 1975 erschienenen Text ausschließlich schriftliche Quellen als Gegenstand historischer Forschung thematisierte, verfolgte er doch zeitgleich zu dieser Publikation in seiner Bildpraxis und privaten Bildsammlung bereits eine Bildforschung als Grundlage der Geschichtswissenschaft (Abb.1). Die ausgedehnte Sammlung Reinhart Kosellecks zur Geschichte des Denkmals und seiner Ikonographie ist für diese Geschichte des Bildes als Objekt der Geschichtswissenschaft ein eindrucksvoller Beleg. Die Fotografien der Reiterstandbilder an der Hohenzollernbrücke als Teil dieser Sammlung zeugen nicht zuletzt davon, dass Koselleck im Rahmen dieser Ikonologie auch die eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungen in seine Bild-Geschichte zu integrieren vermochte. Die Momentaufnahmen Kosellecks sind kommentierende Fotografien, die dem Historiker als Denkbilder dienten. Exemplarisch kann diesem Verhältnis von Ereignisbild und Geschichtswissenschaft im fotografischen Nachlass des 2006 verstorbenen Historikers Reinhart Koselleck nachgegangen werden, dessen Bildersammlung als Teilnachlass 2008 an das Deutsche Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg gegangen ist und hier der Forschung zugänglich gemacht wird.
Mit Dank an Adriana Markantonatos, Bildarchiv Foto Marburg.














