Kanon! Meisterwerke als geschützte Objekte
Unwirkliche Dokumente
Dokumentarische Fotografien werden oft mit dem Anspruch verbunden, unabhängig von Erklärungen und Kommentaren wirksam und beweiskräftig zu sein. Eine Abbildung aus dem Band „Das Berliner Schloss und sein Untergang: ein Bildbericht über die Zerstörung der Berliner Kulturdenkmäler“ von 1951 bedarf des Kommentars, weil das Dokument die Wirklichkeit zeigt und gerade deshalb so verblüfft. Das Foto stellt das 1851 vollendete Reiterstandbild Friedrich II. von Preußen von Christian Daniel Rauch an seinem Standort in Berlin Unter den Linden dar und ist offenbar das Opfer einer wütenden Retusche geworden (Bild 1). Mit schwungvollen Schraffuren scheint die Skulptur unkenntlich gemacht worden zu sein. Das Denkmal ist unter den Kratzern nur noch als eine blasse Silhouette schemenhaft zu erkennen.
Bei genauerer Betrachtung erschließt sich, dass es sich mit den „Durchstreichungen“ nicht um die Zurichtung eines Bildes handelt, sondern die Fotografie einen sehr provisorischen Akt der Denkmalverhüllung festhält. „Die Reiterfigur wurde mit Strohmatten ‚unsichtbar’ gemacht, als Unter den Linden ein politischer Aufmarsch stattfand“, erläutert der Kommentar des Bildes. Die Aufnahme stammt vom 30. Juni 1950 und zeigt eine Episode der wechselvollen Geschichte des Umgangs mit dem nun in Ost-Berlin befindlichen allzu dominanten Standbild des preußischen Monarchen in der DDR kurz nach der Staatsgründung.
Kunstschutz
Die unfreiwillige Komik dieses Vorgangs und dessen Dokumentation vermochte zweifellos, die Administration in Ost-Berlin und deren Anordnungen lächerlich zu machen. Umgekehrt beweist die Verhüllung, welche symbolischen Energien sich mit der Skulptur kurz nach Kriegsende verbanden. Die Plastik war um jeden Preis zu bedecken, selbst auf die Gefahr, kuriose, bloßstellende Fotografien mit dieser Aktion zu provozieren.
Ähnliche Bilder finden sich in einer 1942 erschienenen Broschüre mit dem Titel „La protezione del patrimonio artistico nazionale dalle offese della guerra aerea“, die Maßnahmen des so genannten „Kunstschutzes“ in Italien dokumentiert. Die Kampagne sollte weltbekannte Meisterwerke der italienischen Kunstgeschichte vor Kriegsschäden bewahren. Die Publikation zeigt Fotografien sorgfältig verpackter eingemauerter und dadurch „geretteter“ Kunstwerke. Ob durch diese propagandistischen Aufnahmen eine kriegsverlängernde Durchhaltemoral erzielt werden konnte, ist jedoch fraglich. Nur aus dem Kontrast zu Trümmerbildern bereits verwüsteter Kunstdenkmäler vermögen die Bilder den „Kunstschutz“ als patriotischen Akt zu vermitteln. Für sich genommen musste z.Bsp. die Fotografie der klumpenartig in Watte verpackten „Verzückung der hl. Theresa“ von Gian Lorenzo Bernini, 1651 Rom (Abb. 3), eher das baldige Kriegsende für eine rasche Wiederenthüllung des Originals herbeisehnen lassen.
Selbstverständnis
Nur eine kleine Auswahl von Kunstwerken konnte für diese aufwendigen „Kunstschutz“-Maßnahmen überhaupt in Frage kommen. Die Listen dieser Kampagnen machen schlaglichtartig deutlich, welche Kunstwerke zu der kleinen Gruppe besonders erhaltenswerter Kulturgüter gehörten und welche nicht. Der Schutz oder die Zerstörung solcher kanonischer Kunstwerke enthüllt auch eine Dialektik des Krieges. Unter den Bedingungen des Ausnahmezustands und zu Propagandazwecken visualisieren diese kanonischen Kunstwerke in besonderem Maße die Identität des kriegführenden Landes als Kulturnation. Deren Verhüllung und Enthüllung durch Freund oder Feind kam daher eine besondere psychologische und politische Bedeutung zu. Dokumentationen solcher Akte verstehen sich, wenn sie an kanonischen Objekten vorgenommen werden, von selbst.
Herzlichen Dank an Thomas Jahn, Bildarchiv Foto Marburg, und Ralf Peters, Zentralinstitut für Kunstgeschichte München, für freundliche Unterstützung.














