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Kunst in der DDR - Katalog der Gemälde und Skulpturen

Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin

Die wissenschaftliche Erfassung der Kunstwerke, die ein Museum innerhalb bestimmter Zeiträume erworben hat oder die ihm durch Schenkung, Stiftung oder _bereignung zugewachsen sind, gehört zu den wesentlichen Aufgaben der Institution. Es geht um die Aufbereitung der eigenen Kollektion, um die eigene Geschichte und auch um öffentliche Transparenz.

Die Kunst, die in der Zeit der DDR, also zwischen 1949 und 1990 unter den spezifischen Bedingungen eines weitgehend abgeschirmten Staatswesens entstanden ist, bildete für die Nationalgalerie (Ost) einen wesentlichen Schwerpunkt ihrer Sammlungs- und Ausstellungstätigkeit. In der Folge besitzt die seit 1990 wiedervereinte Nationalgalerie heute einen markanten Sammlungsabschnitt ostdeutscher Kunst, der mit einer ganzen Reihe außerordentlich bedeutsamer Werken ausgestattet ist. Trotz mancher Einschränkungen und Sammlungslücken vermitteln die im Ostteil Berlins getätigten Erwerbungen insgesamt einen repräsentativen _berblick über das Kunstschaffen jener Zeit. Ergänzt um einige Werke, die auch von der Nationalgalerie (West) vor der Wende erworben worden sind, öffnet sich ein differenzierter Einblick in einen Kunstbereich, der seine ganz eigene Spezifik aufweist und trotz eines offiziell geforderten "Sozialistischen Realismus" ein breites Spektrum an individuell verschiedenen und künstlerisch eigenständigen Gestaltgebungen hervorgebracht hat. Gleichzeitig zeigt die Bilanzierung aber auch die Spuren des Zeitgeistes, sie offenbart "Kunstformen", die der vordergründigen Pathetik oder dem optimistischen Weltbild Rechnung tragen, die über Jahre hinweg Ziel der staatlichen Kulturpolitik waren.

Vor diesem Hintergrund bietet der Katalog nicht nur die Möglichkeit, die Kunstproduktion einer historisch abgeschlossenen Periode für die auswertende und vergleichende Forschung zu nutzen, sondern ermöglicht auch die Begegnung oder die Wiederbegegnung mit einem wesentlichen Aspekt der deutschen Kunst- und Kulturentwicklung.

Der Bezug zur anschaulichen Realität, zu "Figur und Gegenstand", war für viele Künstler der DDR das eigentliche Anliegen - und zwar unabhängig von der deklarierten Doktrin und aus eigener Haltung heraus. Das "Geheimnis" des Realen bot hinreichend Motivation - sowohl in der Darstellung des menschlichen Körpers, des Aktes, des Porträts, der Landschaft, des Stilllebens, als auch in der des Sinnbildes oder der gesellschaftlich-historischen Thematik. Gesellschaftliche Utopie war dabei ebenso beteiligt wie die große gegenstandsbezogene Tradition der ersten Jahrhunderthälfte oder die anregende Kraft großer Zeitgenossen wie Picasso, Marini, Moore, Giacometti oder Bacon. Vieles entsprach dennoch nicht einer offiziellen Kulturpolitik und ihrer Forderung nach einem volkstümlichen Naturalismus mit optimistischer Grundhaltung, die vor allem in den 1950er und 1960er Jahren erhoben wurde. Insistierende Beharrlichkeit und kritische Eigenständigkeit waren notwendig, um in widersprüchlichen Abläufen ein Stück Normalität für die verschiedensten Ausdrucksformen bis hin zur abstrakten Kunst zu erreichen.

DDRkunst

Die Kunst in DDR wurde wesentlich von den vier bedeutenden Kunstzentren der DDR - Dresden, Berlin, Leipzig und Halle - bestimmt. Die dortigen traditionsreichen Kunsthochschulen und die Akademie der Künste in Berlin (Ost) brachten durchaus regional geprägte Stileigenheiten hervor.

In Dresden war die ältere Generation mit Künstlern wie Hans Grundig, Wilhelm Lachnit, Bernhard Kretzschmar, Theodor Rosenhauer, Hans Jüchser u. a. lange Zeit die tragende Strömung. Verankert in der Tradition eines Robert Sterl, der "Brücke"- Künstler, Oskar Kokoschkas oder eines Otto Dix, die selbst an der expressiven und sozialkritischen Kunstentwicklung vor dem Krieg beteiligt waren, verknüpfte sie Wirklichkeitserlebnis, Empfindung und Ausdrucksbestreben zu Werken von nuancierter Farbkultur und einfacher Formverdichtung. Von dieser Kunst gingen nachhaltige Anregungen aus auf die Künstler der mittleren Generation wie etwa Strawalde, Eberhard Göschel, Peter Herrmann und Max Uhlig, die eine neue, real erfüllte Zeichenhaftigkeit suchten, und auf die "wilde" Expressivität der Jüngeren wie Hubertus Giebe oder Angela Hampel. Viele haben aber ebenso ihre Impulse von den markanten "Einzelgängern" wie Hermann Glöckner, Willy Wolff und Albert Wigand empfangen, die sich konsequent der Abstraktion und der freien Formfindung zugewandt hatten.

Berlin blieb auch nach dem Krieg das große Sammelbecken verschiedener Kunsthaltungen. Neben den älteren Meistern wie Otto Nagel, Horst Strempel, Heinrich Ehmsen und Max Lingner, die einem sozialen Realismus verpflichtet waren, setzten vor allem die Maler der "Berliner Schule" mit ihrer modulierend bewegten Gestaltung einfacher Wirklichkeiten die entscheidenden Akzente. Harald Metzkes, Ernst Schroeder, Manfred Böttcher, Hans Vent, Christa und Lothar Böhme, Klaus Roenspieß, Wolfgang Leber u. a. eint das Anliegen, eine elementare Existentialität zu gestalten - formuliert mit der Intensität des Malerischen, geleitet von "Auge und Natur", getragen von einer künstlerischen Wahrhaftigkeit.

Berlin war zugleich - in Fortsetzung der großen Berliner Bildhauertradition - Zentrum der Skulptur, was etwa durch Werke von Will Lammert, Jenny Mucchi-Wiegmann, Theo Balden, Gustav Seitz, Fritz Cremer, Waldemar Grzimek, Werner Stötzer, Wieland Förster, Baldur Schönfelder, Friedrich B. Henkel, Sabina Grzimek, Emerita Pansowová, Rolf Biebl und Frank Seidel deutlich wird. In der spannungsbetonten Verknappung des Körperlichen fanden sie neue Ausdrucksformen für die Figur.

Viele der genannten Künstler waren an der Akademie der Künste als Lehrer tätig oder studierten dort als Meisterschüler. Und die Akademie bot den Künstlern einen größeren Freiraum, als das zuweilen an der Hochschule der Fall war. Wenn Otto Nagel und Fritz Cremer die von ihnen 1961 eingerichtete Ausstellung "Junge Künstler" gegenüber der heftigen Kritik des Chefideologen Alfred Kurella couragiert verteidigten, so zeigte das Vernunft und Toleranz sowie ein Ringen um die entsprechenden Formen in der Kunst: "Das wirklich Interessante ist für mich", schreibt Cremer, "was ich als einen Knochen bezeichnen könnte, an dem ich herumnage - vom Geistigen, vom Gedanklichen und auch vom Formalen her. Daher weiß ich dann, dass ich dem Betrachter etwas übergebe, an dem auch er nagen muss und sich festbeißen kann, wenn er die Voraussetzung mitbringt."

Solche Haltungen boten Anknüpfungspunkte; viele der jüngeren Künstler stellten die Bedrängtheit der leiblich-seelischen Existenz ins Zentrum ihrer künstlerischen Bemühungen. So sagte Werner Stötzer, der besonders durch seine Steinskulpturen eine massiv-widerständige Köpersprache neu erschloss, einmal: "Meine Aufgabe als Bildhauer kann nicht sein, eine Sache zu modellieren, in der der Schmerz abgebildet ist, sondern in der Figur, im Umriss, in der Dichte des Materials, in seinen Zwischenräumen muss der Schmerz da sein, in der Sprache der Bildhauerei."

In Halle war und ist die Hochschule Burg Giebichenstein die prägende Größe. Das Bauhaus und die Lehre eines Gerhard Marcks wirkten hier weiter. Für die gestraffte, vitale Plastizität der Hallenser Bildhauertradition stehen Namen wie Gustav Weidanz, Gerhard Lichtenfeld oder Heinrich Apel, während die Malerei in Halle sehr unterschiedliche Kunstauffassungen aufweist: Die Skala reicht von der naiven Malerei eines Albert Ebert über "gefäßhafte" Formen bei Herbert Kitzel, Lothar Zitzmann und Otto Möhwald bis zur konflikthaften Sinnlichkeit bei Willi Sitte und der kritisch-distanzierten Realistik von Uwe Pfeifer.

Von besonderer Bedeutung, gerade im Bereich des Gruppen- und Historienbildes, war Leipzig mit der Hochschule für Grafik und Buchkunst als kreativem Zentrum. Auf der einen Seite artikulierte sich eine expressiv aufgeladene, fast gestische Malerei, wie sie etwa im Werk von Bernhard Heisig, Hartwig Ebersbach und Walter Libuda sinnlich-aggressiv zu Anschauung kommt. Auf der anderen Seite stand die so genannte "Leipziger Schule" mit ihrer sachlich-kühlen Malkultur, die durch die altdeutsche Malerei, den italienischen Manierismus, die Kunst eines Max Klinger oder Otto Dix beeinflußt wurde. Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer, Volker Stelzmann, Arno Rink und Wolfgang Peuker sind in diesem Sinne gleichsam zum Synonym der Leipziger Kunst geworden. Werner Tübke gilt als Protagonist dieser neuen, überraschend verfremdenden Bildpräzision, die seit 1962, nach einer Reise in die Sowjetunion, seinen Stil bestimmte. "Oft denke ich an Raffael und dann ganz schnell wieder an Bosch", schreibt er wenige Jahre später.

Die Sammlung der Nationalgalerie ist in ihrer Gesamtheit von einer gewissen Schwere geprägt, die existenziell-nachdenkliche Geste überwiegt. Darin mag sich auch etwas von deutscher Mentalität spiegeln, zugleich aber zeigt sie die ernste Auseinandersetzung mit elementaren Lebensfragen, die sich gerade angesichts einer umfassend einwirkenden Gesellschaftsordnung besonders nachdrücklich stellten.

Fritz Jacobi

Nationalgalerie Berlin: Kunst in der DDR. Zum Katalog der Gemälde und Skulpturen
ISBN 3-86502-077-1
Preis 39,90 € (Katalog mit CD-Rom)

Erhältlich im Buchhandel oder beim E.A. Seemann Verlag

Systemanforderungen

  • Microsoft Windows 98, Windows NT 4.0 Service Pack 6a, Windows 2000, XP
  • Microsoft Internet Explorer 5.0, 6.0
  • CPU mit 133 Mhz Taktfrequenz, 32 MB RAM (64 MB empfohlen)
  • 30 MB freier Festplattenspeicher
  • 800 x 600 Pixel/16 Bit (minimal)
  • CD-ROM Laufwerk
  • Unter Microsoft Windows NT, 2000 oder XP sind systemadministrative Rechte zur Installation der CD erforderlich.

Zuletzt aktualisiert: 11.03.2009 · Heekyung Reimann

 
 
 
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