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Restaurierung

Für immer zerstört: wertvolle Negative auf Nitrozellulosebasis

Bei einer Routinekontrolle unserer Negativarchivs stießen wir auf einen Bestand von rund 160 historisch wertvollen Nitrozellulosenegativen aus der Zeit 1930-1941. Die großformatigen Aufnahmen (13x18 Planfilm) zeigen vor allem Kunst und Architektur in Norddeutschland mit dem Schwerpunkt Schleswig-Holstein. Von besonderem dokumentarischen Wert sind dabei Fotos von verschollenen oder zerstörten Werken, wie etwa des barocken Wohnhauses in der Königstraße Nr. 44 zu Lübeck mit dem seinem schönen Barockportal (142.923 = mi01960d04, s. Anlage). Für die Forschung interessant sind etwa auch solche Aufnahmen, die später veränderte Ausstattungszusammenhänge beispielsweise in Kirchen zeigen oder damalige Erhaltungszustände von Einzelobjekten wie Altären oder Kanzeln dokumentieren.

nitrofilm1 nitrofilm2

95 Negative waren so stark zerstört, dass die ursprüngliche Bildinformation kaum oder oder gar nicht mehr vorhanden war. 67 Negative wiesen geringe Schädigungsspuren auf, so dass zumindest Duplikate erstellt werden konnten.

Gefahr durch Nitrozellulose-Filme

Seit Anfang der 70er Jahre dokumentiert und restauriert Foto Marburg systematisch seine Negativbestände. In diesen befindet sich neben Glasnegativen und solchen aus Acetat-oder Polyester als Schichtträger auch Nitrozellulosematerial.

Nitrozellulose-Negative wurden in einem Zeitraum von etwa 1890 bis 1960 hergestellt und verwendet. Dieses Material unterliegt einer langsamen chemischen Selbstzersetzung, welche früher oder später einen kritischen Punkt erreicht, ab dem der zuvor noch nicht sichtbare Zerfall stark beschleunigt abläuft. Bei diesem Prozess werden nitrose Gase frei gesetzt, welche sich auch auf benachbartes Filmmaterial schädigend auswirkt! Nitrozellulosefilme im anfänglichen und vor allem fortgeschrittenen Stadium der Zersetzung sondern einen stechenden, scharfen Geruch aus und stellen eine Gesundheitsgefahr dar! Das Einatmen der Gase ist zu vermeiden, die Filme sollten nur mit Schutzhandschuhen zu berührt werden.

Nitro

Nitrozellulose-Negative, die sich nach 50, 70 oder 80 Jahren günstiger Lagerung augenscheinlich immer noch in einem guten Zustand befinden, können sich innerhalb von 10 Jahren völlig zersetzen! Eine Prognose lässt sich bislang nicht erstellen, so dass nur regelmäßige Kontrolle des Archivbestandes Auskunft geben kann über den Erhaltungszustand der Negative oder Dias.

Besonders kritische Filmtypen

Von den unterschiedlichen Nitrozellulose-Negativen, die in unserem Archiv lagern, befindet sich  ein Großteil glücklicherweise noch in einem äusserlich guten Zustand. Wir haben aber beobachtet, dass sich ein ganz bestimmter Typ dieses Materials seit der letzten Kontrolle vor 10 Jahren stark verändert bzw. komplett zerstört hat. Es handelt sich um SW- Negativfilme im Format 13x18cm mit dem einbelichteten Schriftzug „Eastman Kodak 45“ und markanter Dreiecks-Kerbung am oberen Bildrand. Gleiches gilt auch für die Seriennummern  31, 44,  64 und 122. Ebenfalls zerstört waren auch Planfilme mit dem einbelichteten Schriftzug „14 Kodak“, welche eine dreifache Dreiecks-Kerbung besitzen.

Kerbe

Wie dramatisch sich die Zersetzung auswirkt, zeigen die Bildbeispiele.
Die nitrosen Gase haben durch die Filmschachtel hindurch den Regalboden angegriffen, benachbarte Negative sind stark in Mitleidenschaft gezogen. Bei einer Kontrolle 1996 befand sich das Nitrozellulosematerial noch in augenscheinlich gutem Zustand, 2006 ist starke Selbstzersetzung zu beobachten.

Ursachen und Maßnahmen

Eine derart rapide Zerstörung liegt nicht alleine im Filmmaterial begründet, sondern es trägt auch falsche Lagerung dazu bei: die geschädigten oder zerstörten Negative befanden sich in geschweißten Hüllen aus Polyethylen. Das Material selbst setzt keine Schadstoffe frei, verhindert aber durch seine Dichte Luftaustausch wie beispielsweise bei Pergamyntaschen.
Sind die Negativboxen zusätzlich dicht gepackt, „schmoren“ die Nitrozellulosenegative „im eigenen Saft“ und die Zerstörung beschleunigt sich. Andererseits schützen diese Taschen das benachbarte Filmmaterial nicht gänzlich, aber doch besser als solche aus Pergamyn.

Grundsätzlich sollten Nitrozellulosefilme von den übrigen Beständen separiert werden.

Eine relative Luftfeuchte von 40 – 45% und kühle Lagerung (8° - 12° C) werden empfohlen.
Bevor es aber zu bösen Überraschungen kommt, sollten Nitrobestände dupliziert und fachgerecht entsorgt werden. Die Selbstzersetzung kann dadurch zwar nicht gestoppt, aber zumindest verlangsamt werden. Einmal zerstörte Negative sind nicht restaurierbar, die oft einzigartigen Bilddokumente damit für alle Zeiten verloren.

Weitere Infos zum Thema:
http://www.klauskramer.de

Zuletzt aktualisiert: 18.08.2009 · Heekyung Reimann

 
 
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